MASERATI Summer-Tour – GHIBLI Diesel-Testfahrt, August 2015

BORA, GHIBLI, MEXICO, ‚BIRDCAGE‘ – Namen, die jeden Automobilisten aufhorchen lassen, um ihn dann, lebensalterabhängig, in (Kindheits-)träume (zurück)zuschicken:

MASERATI lautet der gemeinsame Nachname oben genannter Modelle.

An einem Sommertag im August soll der GHIBLI in seiner aktuellen Version ein knappes halbes Jahrhundert nach seinem Urahnen zur halbstündigen Testfahrt antreten und beweisen, dass er ein würdiges Mitglied der Dreizack-Familie aus Bologna/Modena ist.

Ein Edelhotel am „Schwäbischen Meer“ bietet das adäquate Umfeld für den Testfahrt-Tag im Rahmen der MASERATI-Summer-Tour 2015.

Nach kurzer Begrüßung und Überprüfung der persönlichen Daten folgt ein interessantes Schriftstück: MASERATI bittet den Testfahrer zur Unterschrift, mit der man versichert, keine Rennstrecke zu befahren und im Falle fahrlässigen Verhaltens hinter dem Volant für daraus resultierenden Schaden am Fahrzeug eine Selbstbeteiligung von 5000,00€ (in Worten: fünftausend Euro) zu entrichten! Besagtes Dokument trübt die Vorfreude auf den kleinen Italiener nicht, sind doch die nächstgelegenen brauchbaren Rennstrecken ca. 3 Autostunden gen Norden oder gen Italien entfernt – das schafft man in 30 Minuten nicht, auch nicht im MASERATI.

Der GHIBLI Diesel mit dem bei Ferrari neuentwickeltem 3,0-Liter-Biturbo-V6 ist das Objekt der Begierde. Ein derartiges Fahrzeug hat mir einer meiner Kunden bereits vor einiger Zeit vorgestellt, meine Erwartungen waren entsprechend hoch gesteckt.

Die junge, blonde Dame führt uns (meine Lebensgefährtin und mich) mit professioneller Freundlichkeit zum Auto – prompt stellt sich Unannehmlichkeit Nr.1 ein:

„Wo möchte die Dame Platz nehmen, hinten rechts oder links?“

HINTEN sitzen? Meine Frau?

Kurz zu ihrer Person: Wir sprechen über eine automobil versierte Dame mit 30 Jahren unfallfreier Fahrpraxis auf u.a. Aston Martin Vantage, Audi A8, BMW 7er, Porsche Panamera, VW Phaeton und Rennstrecken-Basis-Erfahrung auf dem Nürburgring mit ihrem MINI.

HINTEN sitzen? Wer sitzt dann vorne?

Unannehmlichkeit Nr.2 sollte diese Frage umgehend beantworten: Die MASERATI-Dame.

Ich habe es nicht zu träumen gewagt, dass ich als Mittvierziger mit (abgelaufener) internationaler A-Rennlizenz und ca. 800.000 km Erfahrung auf Audi, BMW, Mercedes-Benz, Opel und Porsche-Fahrzeugen (Kartfahren und Leihwagen mitgezählt) noch einmal in den Genuss des BEGLEITETEN Fahrens komme. Dabei ist die überwachende Person ungefähr halb so alt wie ich…Und wie soll ich jetzt die 5 Mille verballern, die mir vertraglich zugesichert worden sind, falls ich mit der Mühle Grünschnitt betreibe, wo die Kindergärtnerin mir vorher auf die Finger haut!?! Aber, das soll nicht alles sein.

Unser mehrfaches, freundliches Nachfragen, ob man in der zweiten Hälfte der Fahrt einmal tauschen könne, wird mit der peinlichen Pauschalantwort „…das dürfen wir leider nicht…“ quittiert. Die Kassiererinnen deutscher Discounter-Ketten antworten auf diese Weise, wenn man sie fragt, ob sie die Karottenverpackung öffnen könnten…Wir schwanken zwischen Fremdschämen, Aussteigen und Bemitleiden.

Nach dem obligatorischen Einstellen der Rückspiegel und des Fahrersitzes (das akribisch überwacht wird), bewegen wir uns also zu dritt durch die verkehrsberuhigte Zone in Richtung Bundesstraße und Autobahn.

Plötzlich stört ein deutlich zu vernehmendes Poltern im hinteren Fahrzeugbereich das sanfte Dahingleiten durch die Stadt. Meine technische Vermutung kaschiere ich mit einer diplomatische Frage an unsere Aufseherin:

„Ist der Kofferraum leer?“

„Das ist die Hinterachse.“, bestätigt meine in der zweiten Reihe sitzende Partnerin meinen nicht ausgesprochenen Gedanken, bevor die Dame rechts überhaupt Luft holen kann.

Zeit für Knaller Nr.3:

„Haben Sie vielleicht etwas in Ihrer HANDTASCHE?“ lautet die fachkundige Frage meiner Beifahrerin.

Verzweifelt versuche ich mich daran zu erinnern, wann meine Frau zuletzt eine Hinterachse mit defekten oder unzureichend entwickelten Achslagern in ihrer Handtasche mit sich herumgetragen hat. Dabei weise ich sie immer wieder zurecht: Zwei Koppelstangen pro Tasche müssen reichen…

Es folgen ein großer Kreisel mit Feierabendverkehr, die Autobahnauffahrt und schließlich die langersehnte Gerade.

Die Lenkrad-Paddles bleiben zunächst unbeachtet, ich konzentriere mich auf das Zusammenspiel von Lenkung, Motorleistung, Fahrwerk, Bremsen und Automatik-Getriebe. Letzteres ist noch nicht im SPORT-Modus, die junge Hostess führt mich behutsam in den Zaubergarten des GHIBLI ein.

Bereits im Schiebebetrieb des Stadtverkehrs ist mir aufgefallen, dass der Wandler die Newtonmeter etwas unsanft an die Antriebsachse weitergibt, das benzinerartige Ansprechverhalten des Diesel-V6 scheint für das Getriebe-Hinterachs-Duo eine Spur zu fix zu sein, entsprechend ruppig folgt die Antwort aus dem Heck. Kann man verbessern, leichte Abzüge in der B-Note.

Zwei Spuren in eine Richtung, gesäumt von blauen Schildern – die Spielwiese des GHIBLI. Glaubt man anfangs.

Die progressive Lenkung ist bei niedrigen Tempi fast schon amerikanisch-(zu)-weich, ab ca. 110 km/h ist sie aber ein zuverlässiger, richtungsweisender Mitspieler. Dennoch: „Geradeauslauf“ ist kein italienisches Wort. Abgesehen von den unwuchtigen Fronträdern (Zufall/Pech!?), zeigt der ‚afrikanische Wüstenwind‘ ein etwas flatterhaftes Verhalten im Bereich des Vorderwagens, eine Gewichtskur der Felgenbetten kann da Wunder bewirken. Zudem bedauere ich unter diesen Bedingungen auch nicht, dass das optional erhältliche SkyHook-Fahrwerk im Testwagen nicht verbaut ist.

Stufe zwei der Fahrfreude wird gezündet: SPORT-Modus an, Sound-Modul an.

Der Geräusch-Generator suggeriert uns Insassen einen V8-Benziner, unsere Flugbegleiterin belehrt uns, für alle Fälle: „…wir fahren aber V6…“ – Aha.

Der SPORT-Modus schärft die Spitzen des Dreizacks, Grip und Biss legen einen Zahn zu, der Spaß soll steigen. Bedingt tut er das auch. Man wird aber den Eindruck nicht los, dass Motor, Getriebe, Lenkung, Fahrwerk und Bremsen zwar gute Einzelelmente darstellen, das aufeinander Ein- und Abstimmen jedoch der zweiten GHIBLI-Generation vorenthalten bleibt. Es ist wie bei der Musik: Hochwertige HiFi-Einzelelemente machen noch keine Top-Anlage.

Es ist Bedarf, aber auch Luft nach oben.

Unseren Vorwärtsdrang erleben wir dann bis ca. 240 km/h ungetrübt, 275 PS sind spürbar. Das Vergnügen ist von kurzer Dauer: Ein ambitionierter Kleinwagen verkürzt aktiv unseren Bremsweg! Damit sind wir bei der Paradedisziplin des kleinen Dreizacks – Bremsen kann er wie ein Grosser! Die Bremse ist stets wohl zu dosieren, wie das Olivenöl im Pesto, zart und hart zugleich wechselt der metallic-blaue Zampano blitzschnell von Nürburgring- auf Innenstadtring-Geschwindigkeit. Anthony Quinn wäre stolz auf ihn.

Die vermeintliche Schrecksekunde hat neben dem unfreiwilligen Bremsen-Test einen weiteren Vorteil. Die professionell auswendig gelernte Flut an semi-wichtigen Daten und Fahrerweisheiten (…“in Deutschland ist Rechtsfahrgebot…“), die vom rechten Vordersitz auf uns herab prasselt, kriegt einen Dämpfer.

Das verbessert die Stimmung meiner Herzdame auf der Rückbank nicht:

„Geht’s Dir da hinten gut?“, frage ich nach dem Lösen des Bremspedals.

„Alles gut, man sitzt hier hinten nur schlecht. Die Sitzbank ist schräg (=zur Mitte geneigt), die Beinauflage kurz…und komfortabel ist anders.“

„Im Vergleich zu anderen Autos aus Baden-Württemberg oder Bayern?“, frage ich, beinahe frrech.

„Kein Vergleich.“ -Pause-

Ich hake nicht weiter nach, das sanfte Deckweiss meiner uns aufgezwungenen Co-Pilotin weicht langsam einem Blass-beige. Auch das soll sich ändern.

„Wir fahren die Behelfsausfahrt raus, dann noch ein bisschen Landstrasse, zurück zum Hotel.“, holt mich Blondie aus meiner technischen Gedankenwelt.

Gerne folge ich der Anweisung, auf meine Weise: „Nicht böse sein, bitte festhalten!“, ist meine kurze Ansage 30 Meter vor der Ausfahrt.

Hart auf die Bremse, scharf rechts in die Ausfahrt – der GHIBLI geht in die Knie, der schwere Motor hilft ihm dabei. Die Rad-/Reifenkombination schreit nach mehr Lauffläche. Lenker Achtelumdrehung links, voll auf’s Gas, der kleine Tridente stellt sich auf die Hinterhufe wie das berühmte Pferdchen der anderen Firma.

Er bockt, bleibt beherrschbar, bremst wieder zuverlässig vor der T-Kreuzung.

BRRRRR, ruhig, Blauer…

Wieder frage ich in Richtung Rückbank: „Alles klar bei Dir? Fenster öffnen?“

„Geht schon.“

Meine Fachfrau für begleitetes Fahren rechts scheint andere Meinung zu sein. Madame Tussaud wäre entzückt, wie Hautfarbe und Oberflächenbeschaffenheit in ihre Museen passten. Aber ich bin kein gehässiger Mensch.

Auf den ersten Metern der Landstrasse bessert sich die Atmosphäre im Wagen. Ich lasse die Zügel locker, der MASERATI zieht seine Bahn solide entlang der Ideallinie innerhalb der Fahrpur, unspektakulär.

„Wie sitzt es sich eigentlich auf der Fahrerseite?“, werde ich von rechts gefragt.

Dass die Zuschauer in der zweiten Reihe bei schnellen Lastwechseln zum Schunkeln gezwungen werden, habe ich bereits deutlichgemacht. Was aber macht der Jockey? Fest im Sattel oder Schleudersitz?

Die Wahrheit liegt, Sie werden es erraten, leider in der Mitte: Der erste, optische Eindruck beim Blick in den Innenraum ist vielversprechend gewesen. Ein gut geformter Sportsitz mit deutlicher Auskonturierung der einzelnen Sitzelemente lässt den Fahrer auf festen Seitenhalt und bequeme, aber dennoch stabile Sitzposition in allen Lebenslagen hoffen.

Die Praxis hält nicht, was die Optik verspricht.

Die Oberschenkelauflage ist für einen normal-harmonisch proportionierten 1,80-Meter-Mann wie mich zu kurz, der Seitenhalt der Wangen an der Sitzfläche ist ähnlich mässig wie der der Lehne, das kann und darf man durch Festhalten am etwas zu grazilen Lenkradkranz nicht wettmachen.

Die präzise einzustellende Lordosenstütze mag dem Langstreckenkomfort dienlich sein, bessert das Gesamtbild des Sitzes leicht, ändert aber nichts am Eindruck, das Gestühl sei eher für Nicht-Sport-Limousinen kreiert worden.

Wir beenden unseren Kurz-Trip wie wir ihn begonnen haben, bedanken uns für das kleine Unterwegs-Präsent und fahren in den Sonnenuntergang.

Die buchstäblich gemischten Eindrücke und Gefühle lasse ich per rechtes Bein an meinem 9 Jahre alten, 231 PS-Diesel-Reihensechser aus Dingolfing aus, obwohl er es wahrlich nicht verdient hat. Die 310.000 km spürt man nicht, als die (noch immer ersten) werksseitig verbauten Stossdämpfer und Federn mit sportlicher Abstimmung die Landstrassenkurven in Richtung Konstanz wegbügeln.

Sie: „Da müssen die noch lange schrauben, bis der das macht wie unserer.“

Ich sage nichts, schmunzele und tätschele sanft seinen blau-weißen Pralltopf, dann ihren Oberschenkel.

Italien ist jetzt sehr weit entfernt.

Miodrag Gale Jankovic

media@1000mls.net

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